1804 gründete Siegmund Geisenheimer, Bürovorsteher im Bankhaus Mayer Amschel Rothschild, das Philanthropin. Es sollte eine Schul- und Erziehungsanstalt für arme jüdische Kinder werden, aber auch die erste Schule in Frankfurt, in der jüdische Kinder in weltlichen Fächern und in deutscher Sprache unterrichtet würden. Ganz im Geist der Aufklärung und Emanzipation stand die Idee einer säkularen jüdischen Bildung. Der Name Philanthropin bedeutet „Stätte der Menschlichkeit“ und war zugleich Programm.
Drei Schüler hatte das Philanthropin bei seiner Gründung und der Unterricht fand zunächst in privaten Wohnungen statt. Nur neun Jahre später waren es bereits 200 Schüler und ab 1811 haben auch christliche Kinder hier ihre Schulbildung absolviert.
Der 1775 in Bingen geborene Siegmund Geisenheimer gehörte der ersten Generation assimilationswilliger Juden an. Er absolvierte eine kaufmänische Ausbildung und war seit 1795 im Bankhaus Rothschild in Frankfurt tätig.
Im Kompostellhof, fand das Philanthropin für die nächsten zweiunddreißig Jahre ein neues Domizil. Die pädagogischen Grundgedanken basierten auf den Ideen Rousseaus, der praktisches, auch beruflich verwertbares Wissen an Kinder aller Stände forderte aber auch den Gedanken Pestalozzis, der Wert auf die Bildung von Verstand und Vernunft bei Kindern legte. Das Ziel, den Schülern allgemeine Verstandesfähigkeiten und praktische Kenntnisse zu vermitteln, fand bei den Mitgliedern der Israelitischen Gemeinde großen Anklang. Schon bald unterstützten sie die Schule und schickten ihre Kinder gegen Schulgeld ins Philanthropin. 1819 wurde die Finanzierung von der Israelitischen Gemeinde übernommen.
Aber nicht nur die Unterrichtsmethoden waren modern. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Philanthropin zum Träger der liberal-religiösen jüdischen Reformbewegung. Von hier aus gingen Impulse für einen Gottesdienst in deutscher Sprache, die weit über Frankfurt hinaus wirkten. In den Andachtsstunden in der Synagoge im Kompostellhof betete und sang man nicht mehr Hebräisch, sondern Deutsch.
Inzwischen ist die Schule auf mehrere Hundert Schüler angewachsen und hat in der Rechneigrabenstraße ein größeres Gebäude bezogen. 1867 wurde das Philanthropin vom preußischen Kultusministerium als Realschule zweiter Ordnung (ohne Latein) anerkannt und auch eine Vor – und eine Mädchenschule wurden angegliedert.
Als eine der größten und anerkanntesten Schulen einer Israelitischen Gemeinde, hatte das Philanthropin über Frankfurt hinaus einen guten pädagogischen und wissenschaftlichen Ruf. Angesehene Lehrer, wie die Historiker Isaak Markus Jost und Isidor Kracauer, der Naturwissenschaftler und Botaniker Isaak Blum oder der Mathematiker Gustav Wertheim haben hier viele Jahre gelehrt.
Die Zahl der Schüler erreichte 1877 mit 874 ihren vorläufig höchsten Stand. Da inzwischen jüdische Schüler alle Bildungsanstalten besuchen konnten, wurde in den folgenden Jahren der Sinn einer jüdischen Schule in Frage gestellt. Auch war der Standort im Osten der Stadt für die zunehmend ins Nord- und Westend ziehende jüdische Bevölkerung nicht mehr günstig. Bis zur Jahrhundertwende sank die Schülerzahl auf 400. Dennoch wurde 1904 das 100jährige Jubiläum ausgiebig gefeiert.
Das Jahr 1908 markiert einen neuen Abschnitt in der Geschichte des Philanthropins. Ein neues Schulgebäude in der Hebelstraße konnte bezogen werden.
Auf dem Grundriss aus dem Jahre 1908 ist deutlich die strikte Trennung des Jungen- vom Mädchenbereich zu erkennen. Die Jungen betraten die Schule durch den Eingang, den wir heute auch benutzen, die Mädchen gingen durch den heute verschlossenen rechten Eingang. Auch der Schulhof war durch einen Weg, den nur Lehrer betreten durften, in einen Jungen- und einen Mädchenhof aufgeteilt.. Hinter dem Schulhof ist ein Tennisplatz (!) eingezeichnet, an den sich allerdings kein Ehemaliger erinnern kann. Der Spielplatz für die Einführungsklasse ist genau dort, wo wir den Hof für die Eingangsstufe gebaut haben. Die Turnhalle befand sich dort, wo heute unsere Mensa zu finden ist, im Raum der Milchküche ist heute der NaWi-Raum.
Es war der Verdienst von Dr. Salo Adler, der die Schule seit 1900 leitete, dass sie zu einem neuen Profil fand. Dem nationalen Zeitgeist folgend, prägte jedoch nicht mehr der Geist der Aufklärung und eines alle Menschen umfassenden Weltbürgertums den Unterricht, sondern die Betonung des Deutschtums. Die Schüler zu deutschen Bürgern zu erziehen, wurde zum obersten Ziel.
Das moderne Gebäude und seine verkehrgünstige Lage im Nordend ließ die Schülerzahlen wieder steigen.Bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs gingen hier wieder 600 Kinder und Jugendliche zur Schule.
Eine ehemalige Schülerin erinnert sich: „Unsere Klasse lag im untersten Stockwerk. Wir blieben alle vierzig sprachlos vor Erstaunen und Entzücken vor der Türe stehen - keine wollte ihren Fuß auf das spiegelglatte, auf Hochglanz polierte rote Linoleum setzen, das den Fußboden bedeckte. Rot war die Klassentüre, rot der Holzrahmen der großen Wandtafeln, rot der Klassenschrank und die Bänke. Die Tischplatten waren dunkel und glatt. Unser besonderes Interesse erregten die vielen Tafeln, die man aufwärts- und abwärts ziehen, zur Seite klappen oder um sich selbst drehen konnte. Es gab Zentralheizung, und elektrische Beleuchtung und sogar eine Art Airconditioning, Modell 1908, eine in die Wand eingelassene, durchlöcherte Klappe, die durch eine Kette verschoben werden konnte.“
1921 kam Dr.Otto Driesen als neuer Direktor ans Philanthropin. Mit ihm begann ein neuer Aufschwung, denn unter seiner Leitung wurden die Unterrichtsmethoden modernisiert und die Schule um einige Schulzweige zu einem „Schulwerk“ ausgebaut. Die Realschule wurde zum Reformgymnasium mit neusprachlichem Unterricht in den Eingangsklassen und mit Latein in den höheren Klassen erweitert. Ein Kindergarten und eine achtklasige Volksschule wurden angefügt. Vom Kindergarten bis zum Abitur konnten nun die Kinder das Philanthropin besuchen und auch eine einjährige Frauenschule wurde dem Lyzeum angegeliedert, an der die jungen Mädchen Kenntnisse in allgemeinbildenden Fächern und in Hauswirtschaft erhielten.
Einmal in der Woche fand in der Aula Gesamtunterricht für alle Klassen statt, in dem die Schüler sie interessierende Fragen besprechen konnten. Aber auch Projektuntericht, freiwillige Arbeitsgemeinschaften und Diskussionsgruppen zum Beipsiel zum Thema „Probleme des Judentums“ gehörten zum pädagogischen Repertoire. Es gab eine Theatergruppe und ein Schulorchester, die bei Schulfesten und Feiertagen in der Aula auftraten, aber auch ein Sportverein, der vom Reinhold Driesen, dem Sohn des Direktors gegründet wurde und dem fast ein Drittel der Schüler angehörte.
Rund 900 Schüler und Schülerinnen besuchten Ende der 20ger Jahre die Schule und voller Hoffnung wurde 1929 das 125jährige Bestehen der ältesten und größten öffentichen Schule einer jüdischen Gemeinde im damaligen Deutschland gefeiert.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 veränderte sich die Situation am Philanthropin. Da der Unterricht an den staatlichen Schulen für jüdische Schüler immer schwieriger wurde, kamen wieder mehr Schüler ans Philanthropin. 1935/36 waren es über 1200 Schüler und Schülerinnen.
Im Hinblick auf eine ungewisse Zukunft wurde der Lehrplan umgewandelt: Das Jüdische rückte mehr in den Mittelpunkt und die Kinder wurden gezielt auf die Auswanderung vorbereitet. Besonders gefördert wurde der Fremdsprachenunterricht. Seit 1937 wurden zwei Klassen eingerichtet, in denen anstelle des deutschen Abiturs die Cambridge School Certificate Examination abgelegt werden konnte. Aber auch der Werk- und der Sportunterricht wurden intensiviert.
Am 1. Oktober 1938 wurde dem Philanthropin der Status einer öffentlichen Schule aberkannt und es wurde zu einer rein jüdischen Schule erklärt. Nach der Kristallnacht wurden alle männlichen Lehrer unter 60 und alle Schüler über 16 Jahren im Konzentrationslager Buchenwald interniert. Nach der Zerstörung der Synagogen diente die Aula auch als Gotteshaus. 1939 fand die letzte Abiturprüfung statt. Im selben Jahr musste die Jüdische Gemeinde das Gebäude in der Hebelstraße für eine geringe Summe an die Stadt Frankfurt verkaufen, für drei Jahre konnte die Schule die Räume zur Miete weiter benutzen. Am 1. April 1941 werden auf Erlass der Reichsbehörde alle höheren jüdischen Schulen aufgelöst und am 30.Juni 1942 endgültig geschlossen. Bis Kriegsende diente das Gebäude als Reservelazarett und als Notunterkunft für ausgebombte Frankfurter Bürger.
Nach dem Krieg wurde das Philanthropin der Treuhänderorganisation JRSO (Jewish Restitution Successor Organisation) übertragen, die von der US-Militärverwaltung beauftragt wurde, in der amerikanischen Besatzungszone das Vermögen jüdischer Organisationen zu übernehmen. Bis 1948 wieder jüdische Institutionen in Philanthropin eingezogen waren, diente das Gebäude als Wohnheim für Kriegsinvalide und als Schule.
Im Mai 1954 kam laut einem Vertrag mit der JRSO das Philanthropin wieder in den Besitz der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Für die nächsten 32 Jahre befand sich hier die Verwaltung und der Sitz zahlreicher andere jüdischer Einrichtungen.
1979 verkaufte die Jüdische Gemeinde das Gebäude an die Stadt, um aus dem Erlös den Bau des neuen Gemeindezentrums in der Savignystraße zu finanzieren. Nach dem Auszug aus den Räumen des Philanthropins im Jahr 1986 wurde das Erdgeschoss zu einem Bürgertreff umgebaut. Die oberen Stockwerke wurden vom Dr. Hoch’schen Konservatorium übernommen. Am 10. November 2000 geben Oberbürgermeisterin Petra Roth und der Hessische Ministerpräsident Roland Koch bekannt, dass die Grundlagen für den Rückverkauf des Philanthropins an die Jüdische Gemeinde Frankfurt und für den Umbau geklärt ist.
Am 09. Februar 2004 übergibt die Oberbürgermeisterin Petra Roth bei einem Festakt das Philanthropin-Gebäude symbolisch an den Gemeindevorsitzenden Salomon Korn.
Sie spricht von einer "besonderen Stunde". Die Stadt Frankfurt werde sich immer des
Unrechts erinnern, das dem Frankfurter Judentum zugefügt worden sei, als die Schule vor 68 Jahren von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde.
Ministerpräsident Roland Koch bezeichnet in seiner Rede die Neugründung einer jüdischen Schule im Philanthropin als "mutiges Projekt" und als "Symbol von übergeordneter Bedeutung".
Nach aufwändigen Sanierungsarbeiten zieht die I.E. Lichtigfeld-Schule im Sommer 2006 in das Philanthropin. Die Schülerinnen und Schüler können am 29.08.2006 ihren ersten Schultag im Philanthropin feiern.
Am 31.10.2006 wird dann das Philanthropin im Beisein des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch und der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth als neues Schulgebäude der Lichtigfeld-Schule in einem Festakt eingeweiht.