Am 18. April 1966, in aller Stille - fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit - wurde in Frankfurt am Main die erste jüdische Grundschule einer Nachkriegsgemeinde in Deutschland eröffnet.
Die Lichtigfeld-Schule wurde nach ihrem Mitinitiator und Gründer Dr. Isaak Emil Lichtigfeld benannt, der von 1954 bis 1967 Landesrabbiner von Hessen und Rabbiner in Frankfurt war.
Das ist ein Experiment, sagte Lichtigfeld bei der Eröffnung, wir wollen kein großes Aufsehen. Die Schule ist ein zartes Pflänzchen, das noch viel begossen werden muss.
Es war in der Tat ein Experiment, nicht nur für Schüler und Eltern, sondern auch für das Hessische Kultusministerium. Dieses stand zwar der Wiederbelebung jüdischer Traditionen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber, man fürchtete aber zugleich, dass durch diese Hintertür die damals von der Landesregierung abgelehnte Konfessionsschule ins Land geholt werden könnte. Daher betonte Kultusminister Professor Ernst Schütte bei der Eröffnung in knappen Worten: "Die jüdische Schule in Frankfurt ist formell genehmigt - aber als Ausnahmeschule, die mit keinerlei finanzieller Hilfe rechnen kann."
Auch innerhalb der jüdischen Gemeinde gab es Bedenken. Manche befürchteten, dass die Einrichtung einer jüdischen Schule eine Gettoisierung ihrer Kinder bedeuten könne.
Trotz aller Schwierigkeiten nahm die Schule ihren Betrieb auf und begann mit einer Ersten und einer Zweiten Klasse mit insgesamt 30 Kindern - damals 10 Prozent aller schulpflichtigen Kinder der Jüdischen Gemeinde -, darunter vier nichtjüdischen Schülern.
Als Schulgebäude diente ein Seitenflügel der Westendsynagoge, der für schulische Zwecke umgebaut werden musste. Der vom Kultusministerium festgelegte Lehrplan war auch für die Schule verbindlich. Hinzu kamen noch die Fächer Iwrith (Neu-Hebräisch) und Religion mit insgesamt fünf Stunden pro Woche.
Für den offenen und liberalen Charakter der Schule stand schon die Einstellung einer nichtjüdischen Schulleiterin, Ruth Moritz, die die Schule bis zur ihrer Pensionierung 1992 leitete.
Ziel der Schule war es von Beginn an, jüdische Inhalte in den Unterricht und in das Schulleben einfließen zu lassen und sich dabei nicht nur auf die jüdische Religion zu beschränken. Daher wurden auch die gemeinsame Vorbereitung der jüdischen Feiertage sowie das Erlernen israelischer Lieder, Tänze und der hebräischen Sprache in das schulische Leben integriert. Die trotz Erhebung eines Schulgeldes steigenden Anmeldungen von nichtjüdischen Kindern waren ein Beleg für die kulturelle Offenheit der Schule und das hohe Leistungsniveau. Sie waren aber auch ein Zeichen für die Offenheit Frankfurter Bürger gegenüber jüdischer Kultur.
So wuchsen die Schülerzahlen stetig an.
Um die Fünfjährigen besser auf die Schule vorzubereiten, wurde die Eingangsstufe eingerichtet.
Zwei Jahre nach Schulgründung wurden 68 Schüler in vier Klassen von vier Lehrerinnen unterrichtet. Kantor Reiss erteilte wöchentlich zusätzlich eine Stunde Chor-Unterricht. Schulleiterin Moritz konnte bereits 1968 mitteilen, dass bei einem Vergleich von Schulleistungen im 4. Schuljahr zwischen der jüdischen Grundschule und Repräsentativstichproben des gesamten Schuljahrganges in Frankfurt die jüdische Schule am besten abgeschnitten hatte. Dies überzeugte schließlich auch das Kultusministerium.
Zwei Jahre nach der Gründung erhielt die Privatschule die staatliche Anerkennung. Finanzielle Unterstützung durch das Land Hessen wurde zunächst weiter abgelehnt, da religiöse Schulen kein Anrecht auf finanzielle Beihilfen hatten. Erst nach der Änderung des Privatschulgesetzes erhielt auch die Schule pro Kind einen staatlichen Zuschuss sowie freie Lehrmittel.
Am 13. Dezember 1968 fand unter Anwesenheit des Schuldezernenten Kurt Nahary und weiterer Vertreter der Gemeinde sowie der Stadt Frankfurt die feierliche Enthüllung einer Gedenktafel an der Grundschule statt. Mit dem ersten Todestag von Dr. Lichtigfeld wurde die Schule in "Isaak Emil Lichtigfeld-Schule" umbenannt.
Mit den steigenden Schülerzahlen wurde das Raumproblem immer größer. So schrieb Frau Moritz in ihrem Schulbericht im Dezember 1968: "Das zentrale Problem an unserer Grundschule ist nicht der Leistungsstand der Kinder, denn dieser darf als überdurchschnittlich bezeichnet werden, sondern die Beengung des gesamten Schulkomplexes. Dies betrifft sowohl die Klassenräume als auch den Turnraum und nicht zuletzt den Schulhof." Der damalige Vorstand bemühte sich vergeblich um eine Lösung. 1969 musste wegen steigender Schülerzahlen eine zweite Eingangsstufenklasse eingerichtet werden, so dass absehbar war, dass auch die Grundschulklassen zweizügig laufen würden. Ruth Moritz beschrieb damals das Raumproblem folgendermaßen: "Mit zunehmender Schülerzahl wächst die Raumnot. Die Klassenräume verteilen sich auf 4 Stockwerke. Der kleine Schulhof bietet den Kindern keine Möglichkeit, ihrem Bewegungsdrang gerecht zu werden."
Trotz dieser Enge entwickelte sich die Schule zu einer lebendigen Erziehungseinrichtung, die über die Frankfurter Stadtgrenzen hinaus bekannt und geschätzt wurde.
Umzug ins Gemeindezentrum
Mit steigenden Schülerzahlen wurde das Raumproblem immer drängender. 20 Jahre nach ihrer Gründung konnte die Lichtigfeld-Schule 1986 endlich neue Räume im gerade fertig gestellten Gemeindezentrum beziehen. Gleichzeitig mit diesem Umzug wurde die Förderstufe eingeführt, also die Erweiterung um die Klassen 5 und 6.
Trotz des Umzugs in das Jüdische Gemeindezentrum bahnten sich weitere Raumprobleme schon 1989 an.
Während die allgemeinen Schülerzahlen in Hessen rückläufig waren, hatte die Lichtigfeld-Schule zum Schuljahr 1989/90 so viele Anmeldungen, dass eine dritte 1. Klasse eingerichtet wurde und die Grundschulklassen somit dreizügig wurden.
Zum Schuljahr 1990/91 zog die Förderstufe aus dem Gebäude der Grundschule aus, damit dort neue Klassenräume eingerichtet werden konnten. Die fünften und sechsten Klassen bezogen den zweiten Stock in der Westendstraße. Dort waren die Büroräume in Klassenräume umgebaut worden.
Die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die seit 1989 die UdSSR und ihre Nachfolgestaaten verließen, prägten die weitere Entwicklung der Schule entscheidend mit. Die Kinder waren mit dem Schulsystem nicht vertraut und mussten so schnell wie möglich die deutsche Sprache erlernen. So wurde zunächst eine russische Lehrerin eingestellt, die Übersetzungshilfe bei Elternabenden leistete und einen Intensivkurs in Deutsch erteilte.
Obwohl das Schulgebäude für maximal 200 Schüler konzipiert war, stieg die Schülerzahl auf 330 Schüler an. Vom Jugendzentrum wurden im Keller Räume mitbenutzt, in denen am Vormittag Unterricht sowohl zur sprachlichen Förderung als auch für lernschwache und verhaltensauffällige Schüler angeboten wurde. Die Schule stellte zusätzlich eine Sonderschullehrerin und einen Sozialpädagogen ein. Mit enormen pädagogischen Anstrengungen gelang es, die Schüler recht schnell zu integrieren.
Am 11. Juni 1992 wurde Ruth Moritz im Rahmen einer würdigen Feier verabschiedet. Sie hatte die Schule 26 Jahre erfolgreich geleitet.
Neue Schulleiterin wurde Alexa Brum, Manfred Levy wurde stellvertretender Schulleiter.
Frau Brum hatte es sich von Anfang an zur Aufgabe gemacht, die Inhalte der jüdischen Schule und das jüdische Profil genauer zu definieren und zu einem verbindlichen Gesamtlehrplan zusammenzufassen, in dem jüdische und nichtjüdische Inhalte effektiver miteinander verbunden werden sollten.
Zum Schuljahr 2000/2001 verließ Manfred Levy, von dem ein Großteil dieses Artikels stammt, die Schule, um sich im öffentlichen Schuldienst neuen Herausforderungen zu stellen.
Zu seinem Nachfolger wurde Rafael Luwisch ernannt.
Seit dem Schuljahr 2002 bietet die Schule besonders begabten Schülern die Möglichkeit einer verkürzten Schulzeit (G-8-Kurse). Die Schüler dieser Kurse müssen zusätzlich zur normalen Stundentafel das neu eingeführte Fach Französisch belegen. In den anderen Fächern werden sie zum Ende des sechsten Schuljahres auf den Stand der G-8-Klassen der Elisabethen-Schule gebracht.
Ab dem Schuljahr 2004 ist der verkürzte gymnasiale Unterricht (G8) für alle Förderstufenkinder nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Schüler, die dieses Niveau nicht halten können, erhalten statt Französisch zusätzliche Förderkurse.
Um die Zukunftsplanung der Schule auf ein solides Fundament zu stellen, entscheidet sich der Gemeinderat auf Bitte der Schulleitung, für das Schuljahr 2003/04 eine externe Evaluation in Auftrag zu geben. Sie wird von Prof. Dr. Brumlik und Prof. Dr. Kiesel geleitet und ergibt, dass in der Elternschaft ein hoher Zufriedenheitsgrad mit der Arbeit der Schule (90 bis 99 %) besteht. Rund 88 % der Eltern wünschen sich die Erweiterung zur Ganztagsschule.
Die Schule beginnt umgehend mit der Entwicklung eines Schulprogramms.
Im Februar 2004 gibt die Stadt Frankfurt in einer Feierstunde das Philanthropin (siehe unter „Philanthropin“) an die Jüdische Gemeinde zurück.
Es folgen umfangreiche Umbau- und Renovierungsarbeiten.
Im August 2006 zieht die Isaac Emil Lichtigfeld-Schule vom Gemeindezentrum im Frankfurter Westend in das Philanthropin im Nordend ein.
Mit dem Umzug verbunden ist die Erweiterung der Schule zu einem Sekundarstufen I - Gymnasium und zu einer Ganztagsschule.